226 Kilometer – Die Triathlonkönigsdisziplin

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cert20x30-CRHD1185Nachdem ich 2011 beim IRONMAN in Frankfurt meinen Einstand in den Langdistanztriathlon gegeben habe sollte 2015 die Challenge Roth folgen. Man sagt, ein richtiger Triathlet sei man erst, wenn man eine Langdistanz gemeistert hat. Und wenn man diesen Sport liebt, wie ich, tut man es auch wieder. Ich hab’s also wieder getan und diese Herausforderung angenommen und gemeistert. Dass es auch ganz anders kommt, als man sich das vorgestellt und auch vorgenommen hat möchte ich euch nun schildern.
Für meine zweite Langdistanz hab ich mir einen ganz besonderen Wettkampf ausgesucht. Die Challenge in Roth (wer Roth nicht kennt, der kleine Ort liegt in Bayern direkt an der A9 30 Kilometer südlich von Nürnberg) Hier hat die Langdistanz in Deutschland ihren Ursprung. Bereits zum 31. Mal findet hier in Roth der Triathlon statt. Die ganze Region fiebert diesem Event jedes Jahr entgegen. Egal ob Athlet, Helfer oder Zuschauer, für alle Beteiligten wird hier mächtig viel geboten. Nicht umsonst schwärmen Profis wie Chrissie Wellington, Chris McComack und Yvonne van Vlerken sowie Timo Bracht von diesem legendären Triathlon. Also war es für die Raikete klar, hier muss er dabei sein. 2014 war ich noch als Zuschauer vor Ort, um diesen speziellen Spirit aufzusaugen und mir natürlich auch das begehrte Ticket für 2015 zu sichern.
Die Vorbereitung lief optimal, verletzungsfrei und auf Grund des milden Winters konnte ich bereits rechtzeitig im Jahr das Laufband und die Rolle gegen den Sport an der frischen Luft eintauschen. Dank der Fertigstellung der neuen Schweriner Schwimmhalle, ging es ab Februar regelmäßig zum Schwimmtraining. Meine vier Vorbereitungswettkämpfe gaben IMG_6989mir die Bestätigung, dass ich auf dem Weg nach Roth die richtige Richtung eingeschlagen habe. Nach 6 Monaten intensiver Vorbereitung mit 120 Schwimmkilometern, 6.000 Radkilometern und 800 Laufkilometern war ich gerüstet für den Wettkampf und war festen Glaubens eine gute Performance abzuliefern. Zwei Tage vor dem Race-Day bin ich mit meiner Frau Nicole und meinen Freunden Beate & Daniel mit Auto nach Roth gefahren. Nach der Ankunft haben wir sofort die Startunterlagen abgeholt. Mit der Startnummer und dem Transponderchip in Hand war ich gleich wesentlich ruhiger. Anschließend sind über die Sportmesse geschlendert und haben schon mal das eigenst für dieses Event erbaute Stadion, wo ich beim Zieleinlauf eine Runde bei tobenden Zuschauerjubel genießen darf, besichtigt. Das Hotel wurde bezogen und bei einem angenehmen Spaziergang in der Abendsonne haben wir den Tag ausklingen lassen. Nach dem Samstagsfrühstück bin ich noch mal lockere 15 km auf meinem Triathlonrad geradelt und anschließend 2 km easy ausgelaufen. Ich fühlte mich gut. Nun brannte ich darauf endlich zu starten, um so richtig abzuliefern. Gegen Mittag sind wir dann mit RADGIGANTEN-Kollegen und ebenfalls Roth-Starter Banschi den Radkurs noch mal mit Auto abgefahren, um uns die zu bewältigen Anstiege und kniffigen Passagen genauer anzusehen. Zurück am Hotel angekommen wurden nun die Wechselbeutel gepackt und es ging mit dem Rad im Gepäck zum Bike Check-In. Hier traf ich dann meinen nächsten Trainingskollegen und Roth-Mitstreiter, Chris Martin, der sich bereits seit einigen Tagen mit Magen-Darm Problemen plagte. Die Räder wurden an ihren vorgegebenen Platz gebracht. Die knisternde Atmosphäre wurde noch mal aufgesaugt. Die Ruhe vor dem Sturm. Anschießend ging es zur Wettkampfbesprechung. Der Mann am Mikro erklärte uns in komödiantischer Samstag-Nacht-Manier die wichtigsten Details zum Rennen und sorgte somit für den einen oder anderen Lacher.
Es ging früh ins Bett bevor kurz vor vier am Sonntagmorgen der Wecker klingelte. Ich war bereits wach. Wie auch 2011 war es eine unruhige Nacht. Darüber brauchte ich mir aber keine Gedanken machen, denn für jeden Teilnehmer einer solchen Veranstaltung wird die Nacht vor dem Race-Day eine unruhige Nacht sein. Nach einem kurzen Frühstuck ging es mit dem Auto zum Schwimmstart. Zum Glück hatte ich Freund Daniel als Autofahrer engagiert. Bereits die Tour nach Roth hat er übernommen, sowie die Abfahrt der Radstrecke, eigentlich alles Fahrten mit dem Auto wurden mir abgenommen, damit ich mich voll auf meinen Wettkampf konzentrieren konnte. DANKE Daniel.
Es hat schon ein wenig von Magie wenn du an den Platz des Geschehens ankommst. Der sonnige Morgen und der ruhige Main-Donau-Kanal bot eine mystische Kulisse für ein orig-CRHL2725wahrhaft sportliches Theater. Und ich war ein winziger Bestandteil einer großartigen Vorführung. Reges Treiben spielte sich in der Wechselzone ab. Jeder Teilnehmer meist auf sich fokussiert. Das Rad noch mal prüfen, Toilettengang, kurze Gespräche mit Freunden, Familie & Bekannten. Dann den Neo angezogen die Badekappe und Schwimmbrille geschnappt und ab zum Schwimmstart. Bereits um 6:30 Uhr starteten die Profis unter dem donnernden Geräusch der Startkanone. Man, war dass ein Kanonendonner. Ich spürte eine richtige Druckwelle, so stark war dieser Böller. Und jetzt, wo alle fünf Minuten die nächste Welle auf die 3,8 Kilometer Schwimmstrecke geschickt worden ist, war der Kanonenschuss zu hören und zu spüren. Um 7:20 Uhr ging es dann für mich endlich los zu meiner zweiten Langdistanz. Das Wasser war mit 22,9 Grad kuschelig warm und es ging fürs Erste 1450 Meter schnurrgeradeaus bis zur ersten Wende. Dann 1950 Meter zurück, um dann nochmal zu wenden und zum Schwimmausstieg zurück zu schwimmen. Geschafft – 3,8 km in 01:16h ungefähr die Zeit, die ich mir auch vorgenommen hatte. Ich fühlte mich frisch und voller Power für das, was jetzt noch kommen sollte. Ein zügige Wechsel in die Radklamotten und schon saß ich auf meinem Lieblingsspielzeug. Es ging gut los, ich wollte und konnte (noch) richtig Gas geben. Der Kopf war klar, hell wach und bei der Sache. Bloß nicht überpacen, da es so oder so ein langer Tag werden würde. Nach den ersten 50 Kilometern verspürte ich erstmals das meine Beine schwerer wurden und nach 70 Kilometern machten sich die ersten Krämpfe bemerkbar. Krämpfe ??? Damit hatte ich beim Radfahren noch nie zu tun. Ich hatte mich doch strickt an die orig-CRIB0023Wettkampfverpflegung gehalten. Warum musste ich gerade heute diese Erfahrung machen? Kaum standen die 100 Kilometer auf dem Tacho musste ich das erste Mal vom Rad absteigen sonst wäre ich vermutlich umgefallen so stark waren mittlerweile die Krämpfe. Allmählich machte sich im Kopfkino das Szenario breit das es jetzt eine riesige Herausforderung wird überhaupt die zweite Wechselzone zu erreichen. Ich hatte nicht nur in der Beinmuskulatur Krämpfe sondern am ganzen Körper. In den Armen, im Nacken, im Rücken überall spielte mein Körper verrückt. Insgesamt bin ich wohl 5 Mal vom Rad abgestiegen um meinen geschundenen Körper zu lockern. Mit einem Schnitt von 29,5 km/h bin ich von meiner Schokoladendisziplin in die Wechselzone 2 eingetrudelt. Ich war im Kopf so sehr damit beschäftig nach den Gründen meiner miesen Radperformance zu suchen das ich meinen Wechsel in die Laufsachen noch ziemlich fix absolvierte. Ich ging locker aus der Wechselzone, verpflegte mich und sah sofort einige Bekannte, wo ich mich dann erst einmal zu einem gemütlich Plausch dazugesellte. 100 Meter weiter wartete dann meine Frau mit Beate und Daniel. Ich verweilte wieder einige Minuten und ließ mir Trost spenden. Ja – Laufen ging gar nicht. Bei der kleinsten Bemühung ins Laufen zu kommen kapitulierte mein Körper und rächte sich mit fiesen Krampfattacken. Meine Beine so fest mittlerweile, dass sie zweier Holzlatten glichen. Versteckt hinter meiner dunklen Sonnenbrillen flossen zum ersten Mal Tränen bei mir. Aber ich wollte ins Ziel, diese Medaille und das Finisher-shirt so sehr das ich notfalls den kompletten Marathon gewalkt wäre. Also marschierte ich und das ging sogar recht flott. An jeder Verpflegungsstation hab ich zusätzlich eine Stehpause eingelegt, zahlreiche Wasserschwämme gegriffen und viel getrunken, um dann wieder flott weiter zu walken. Von den ersten 13 Kilometern bin ich 7 km bestimmt komplett gegangen. So langsamrt20x30-CRHD1184 fühlten sich meine Betonklötzer wieder wie meine Beine an und ich begann zu laufen. Von Verpflegungsstelle zu Verpflegungsstelle hangelte ich mich nun. Es war mit fast 30 Grad nun schweißtreibend heiß und die Strecke am Main-Donau-Kanal ewig lang. Kilometer für Kilometer ging es nur gerade aus. Es schien kein Ende zu nehmen. Das war auf jeden Fall eine zusätzliche Herausforderung für den Kopf. Tausende verschwitzte Athleten liefen oder gingen wie an einer Perlenschnur aufgereiht hintereinander weg. Aus Luft sicherlich ein tolles Bild. Bei Kilometer 28 dann die letzte Wende. Nun wusste ich, dass ich es bis ins Ziel packen werde. Die Athleten, die beim Radfahren eine Zeitstrafe bekommen hatten mussten bei Kilometer 28 zusätzlich einen Strafkilometer laufen. Was für eine Bestrafung. Hätte ich eine Strafrunde laufen müssen hätte wohl mein Kopf aufgegeben, denn mein Körper hatte dies ja bereits schon auf der Radstrecke getan. Aber so lief ich weiter zurück nach Roth dann noch eine kleine Stadtbiege an zahlreichen Zuschauern vorbei. Von einen Zuschauer 2 Kilometer vor dem
Ziel noch das Weißbierglas gegriffen und auf Ex runtergespült. Nun waren auch schon die Zuschauer und der Sprecher aus dem Stadion zu hören. Es ging rein in den Zielkanal. Gänsehaut überschütte meinen geschundenen Körper, oder das, was noch davon übriggeblieben war. Wieder hatte ich Tränen in den Augen, sah in die Gesichter der vielen Zuschauer im Stadion die jeden einzelnen Athleten der diese letzte kleine Runde noch vor sich hatte wie wahnsinnig anfeuerte und applaudierte. Das ist ein emotionaler Moment den wohl kein Sportler vergisst der hier in Roth gestartet ist. Der absolute HAMMER. Die letzten 30 Meter genoss ich im Gehen. Kurz vor dem Zielbogen sah ich meine Frau, holte mir da noch ein Bussi ab und überquerte nach 11:55:49 Stunden die Ziellinie. Ich hatte meinen riesigen Schweinehund, den ich ja bereits schon auf dem Rad mitschleppten musste, besiegt. Es war mit diesen Rückschlägen wirklich eine mentale Herausforderung diesen Wettkampf noch positiv zu beenden. Und das ist auch genau das was ich aus diesem langen Tag für die Zukunft mitnehme. Nicht aufgegeben zu haben, obgleich ich mein zeitliches Ziel unter 10:30 Stunden zu finishen bei weiten verfehlt habe. Eine genaue Aufarbeitung mit Ursachenanalyse wird folgen. Was ein aber nicht umbringt macht ein härter. Ich werde es wieder tun. Nicht im nächsten und übernächsten Jahr aber in drei bis vier Jahren werde ich mir wieder einen schönen Langdistanztriathlon als Ziel vornehmen.